Verein für pädagogische Initiativen und Kommunikation e.V.

Stress – ein zunehmendes Phänomen auch unter Kindern

Noch vor Jahren glaubten viele PädagogInnen, Entspannungsübungen für Kinder und Jugendliche seien nicht notwendig. Doch die Lebenssituation der Heranwachsenden hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Wachsende Probleme in Schule, Freizeit und Familie wirken sich auf das Verhalten und die Gesundheit der Kinder aus und zwingt zum Umdenken. Nach Einschätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO wird die Depression im Jahre 2020 die zweithäufigste Krankheit weltweit sein. Für Deutschland stellt der Report über die Gesundheit von Kindern, Jugendlichen 2008 in Deutschland (KiGGs 2008, www.kindergesundheit-info.de) fest, dass es bei 15% deutliche Hinweise auf mehr oder weniger grenzwertige psychische Probleme gibt. 25% erleben Gewalt in ihrem nahen Umfeld. Ursachen sind laut dieser Studie die Nicht-Teilhabe von sozial benachteiligten Familien am Alltagsleben unserer Gesellschaft, Ein-Kind-Familien, Migrationshintergrund und Arbeitslosigkeit. 20% der Kinder und Jugendlichen haben nur unzureichende persönliche, soziale oder familiäre Ressourcen für den Umgang mit diesen Stress-Situationen. Diese Fakten zwingen zum Umdenken. 

Besonders auffällig ist auch, dass die Kinder, die medizinisch behandelt werden immer jünger werden. Der stetig steigende Leistungsdruck im Bildungssystem führt dazu, dass Stress bereits bei Kindern ab 3 Jahren auf der Tagesordnung stehen kann und sie Entlastungsmaßnahmen brauchen. 

Entspannungsangebote - ein Baustein gegen Stress

In psychologischen Fachkreisen sind die positiven Wirkungen von systematischen Entspannungsangeboten schon lange bekannt. Sie werden als wichtiger Baustein zur Prävention bei Kindern und Jugendlichen genutzt, um persönliche Ressourcen zu stärken und den Einfluss von persönlichen, familiären und sozialen Risikofaktoren zu mildern und um die Wirkung von Psychotherapie zu intensivieren. Auch in der Öffentlichkeit sind Entspannungsverfahren bereits bekannt und allgemein anerkannt. So gehören in so genannten bildungsnahen Familien Entspannungsverfahren oft zum Alltag dazu. Laut einer Forsa Umfrage planen 39% von 1005 Befragten in Deutschland bewusst Zeiten in ihren Alltag mit ein, um sich körperlich und geistig zu entspannen.

Die Wirkung von Entspannungsverfahren ist wissenschaftlich umfassend belegt, Im Bereich der Schule wird allerdings bisher nur wenig darauf zurückgegriffen, um die Lernfähigkeit der Schüler zu unterstützen. Durch den gestiegenen Leistungsdruck ist unbestritten, dass Kinder und Jugendliche in Schul- und Freizeit mehr Erholungszeiten brauchen. Gerade Ganztagsschulen haben viele Möglichkeiten, den Kindern in der Mittagsfreizeit systematische Entspannungsmöglichkeiten nahezubringen. Kinder und Jugendliche, die Entspannungsangebote erleben, sind in der Regel begeistert und fordern die Wiederholung selber ein. Lehrer, die Erholungsangebote anbieten, sind überrascht, plötzlich ruhige, konzentrierte, kooperative und kommunikative Kinder und Jugendliche zu erleben.

Die absolute Mehrheit unter den Anwendern von Entspannungspädagogik stellen ErzieherInnen, gefolgt von SozialpädagogInnen, ErgotherapeutInnen, HeilpädagogInnen und SonderschulpädagogInnen. „Genannte Berufsgruppen nehmen den hohen Stresslevel wahr, unter dem Kinder und Jugendliche schon stehen und sehen die Notwendigkeit, ihnen Zeiten zu verschaffen, in denen sie runterfahren können“, so Diplom Psychologin Birgit Papendorf, Expertin für Entspannungspädagogik.

In Entspannungsübungen kann der Pädagoge beispielsweise zu „Traumreisen“ einladen: Geschichten, die allgemein- menschliche Alltagserfahrungen wiedergeben und als entspannend wahrgenommen werden, werden mit ruhiger Stimme vorgelesen oder erzählt. Zum Beispiel auf einer Blumenwiese vor sich hinträumen oder am Strand in der Sonne liegen und dem Meeresrauschen lauschen.

Alternativ führen auch mediative Sinnes- und Naturerfahrungen zur Ruhe. Kinder und Jugendliche werden angeregt, sich für einen begrenzten Zeitraum auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Zum Beispiel eine Schnecke dabei zu beobachten, wie sie sich in ihr Haus zurückzieht, dem Wind zuzuhören oder ein Apfelstück zu befühlen, daran zu riechen, den ersten Bissen langsam, kurz im Mund zu behalten und dann zu verspeisen.

Entspannende Berührungen werden z. B. mit den Händen als „Massagegeschichte“ auf dem Rücken, mit einem Igelball, einem Schwamm oder einer Feder ausgeführt. Sofern sie selbstbestimmt stattfinden und respektvoll gegeben werden, lösen sie die stärkste Alltagsentspannung aus. 

Es gibt noch viele weitere Entspannungsübungen wie Bewegungsmeditation. Ein Patentrezept existiert nicht. Wichtig ist es, herauszufinden, welche Angebote für welches Kind oder Kindergruppe am geeignetsten sind.

Die Übungen nehmen je nach Verfahren 1 bis 60 Minuten in Anspruch. Die Zeitdauer richtet sich nach Lebens- und Entwicklungsalter, Temperament und Vorerfahrung der Kinder und Jugendlichen sowie der zur Verfügung stehenden Zeit. Puls, Blutdruck und Atmung sinken, wenn es die passenden Übungen sind und führen zu körperlicher Entspannung. Die Abnahme der Stresshormone und erhöhte Ausschüttung von Glückshormonen führt zur emotionalen und geistigen Entspannung und einer Stärkung der Immunabwehr. 

Alle Übungen steigern Konzentrationsfähigkeit, verbale, künstlerische und emotionale Ausdrucksfähigkeit sowie Lösungsfähigkeit u.a. für arithmetische Aufgaben, Selbstvertrauen, Konfliktfähigkeit, Kooperations- und Merkfähigkeit.

Aggressivität, Angst und Bedrohungserleben, Erkrankungshäufigkeit und Unkonzentriertheit nehmen ab.

Diplom Psychologin Birgit Papendorf, Fachpsychologin für Klinische Psychologie, Heilpraktikerin für Psychotherapie, ist seit 1992 in freier Praxis tätig und bietet über die Trägerschaft von Pädiko in Kiel regelmäßig zertifizierte Fortbildungen zum Entspannungspädagogen oder zur Entspannungspädagogin an. Zielgruppe sind Profis, die Entspannung präventiv bei Kindern und Jugendlichen einsetzen woll

Informieren Sie sich über die Zusatzqualifikation "Entspannungspädagogik für Kinder und Jugendliche" und melden Sie sich an.

 

 

Veröffentlichsdatum: 16.08.2012 11:47

Ansprechpartner: Pädiko e. V.,

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