Verein für pädagogische Initiativen und Kommunikation e.V.

Loris Malaguzzi



(*23. Februar 1920 in Correggio; † 30. Januar 1994 ebenda) 

Loris Malaguzzi, studierter Pädagoge und Grundschullehrer, hat mit seinen Vorstellungen über Kindeserziehung das in der Fachwelt anerkannte Konzept der Reggio-Pädagogik maßgeblich beeinflusst und zu dessen weltweiter Entwicklung beigetragen.

1920 geboren, ging der Italiener 1940 zunächst einer Beschäftigung als Grundschullehrer nach.

1945 nahm er eine Tätigkeit als pädagogischer Mitarbeiter in dem bereits existierenden Volkskindergarten in Reggio Emilia auf, der durch eine Elterninitiative gegründet wurde und dessen Wurzeln bereits in die Zeit um 1921 zurückreichen. Dort gestaltete er zusammen mit Arbeitern und Bauern, vor allem aber mit den Müttern ein neues Erziehungskonzept. Er wollte zusammenfügen, was sonst im traditionellen Kindergarten getrennt war: das Kind, seine Familie, die professionellen Erzieherinnen und die Umgebung des Kindes (vgl. Dreier 1994b, S. 167). 

Die drei Grundprinzipien des neuen Volkskindergartens waren:

1. Erziehung zur Demokratie,

2. Erziehung zur sozialen Gerechtigkeit, 

3. Erziehung zur Solidarität. 
  
Die Förderung der Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeit des Kindes, der Dialog und der Austausch über Form und Art der Kindererziehung mit allen Beteiligten waren bereits damals und sind noch heute Grundlage der pädagogischen Arbeit in Reggio Emilia.

1960 eröffnete Loris Malaguzzi ein Zentrum für behinderte Kinder und begleitete die Kindereinrichtungen in Reggio Emilia. Aus eigener Kraft, fast ohne finanzielle Unterstützung, baute die Bevölkerung im Vorort Villa Cella den ersten Nachkriegs-Kindergarten. Der junge Grundschullehrer Loris Malaguzzi war davon so begeistert, dass er die Baustelle besuchte. Fasziniert vom Engagement der Bürgerinnen und Bürger, blieb er dort, protokollierte den Prozess des Aufbaus sowie die Anfänge der Kinderbetreuung und erstellte eine Dokumentation über diese Initiative.

1963 übernahm er die Leitung aller kommunalen Kindertagesstätten in Reggio Emilia, die er in den Folgejahren ausbaute und maßgeblich weiterentwickelte.

1991 wählt das US-Magazin Newsweek die kommunalen Kindertagesstätten von Reggio Emilia zu den besten vorschulischen Einrichtungen der Welt. Die Ausstellung und zahlreiche Vortragsreisen Malaguzzis trugen zum Bekanntheitsgrad der Reggio-Pädagogik weiter bei.

Malaguzzis Beitrag zur Kinderbetreuung 

Malaguzzi propagierte ein neues Bild vom Kind. Seine Leitidee beschrieb er wie folgt: „Wir assistieren den Kindern, wir erziehen sie nicht! Jedes Kind die Fähigkeit sich selbst zu bilden, die Erwachsenen helfen lediglich, diese Fähigkeiten zu entdecken und zu erschließen. Zu seinem Konzept gehörte auch die Mitarbeit von Malern, Bildhauern und Puppenspielern. Loris Malaguzzi war es wichtig, dass die Kindererziehung als eine Gemeinschaftsaufgabe verstanden wird. Er vergleicht Kinder mit Dichtern, Musikern und Naturwissenschaftlern. Sie besitzen die "Kunst des Forschens" und sind "sehr empfänglich für den Genuss, den das Erstaunen bereitet" (s. Dreier, S. 69). Er wendet sich gegen ein Bild vom Kind, das Defizite festschreibt, um sie dann mit gezielten Förderprogrammen auszugleichen. Das Kind ist vielmehr ein aktiver und kreativer Gestalter seiner Entwicklung und seiner Beziehungen zur Umwelt. 

Sein Ziel war es, den Kindern mit Achtung zu begegnen und stellte deren Recht auf Erziehung und Bildung, unabhängig von körperlichen, sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen, in den Mittelpunkt. Der ästhetischen Bildung schrieb er in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu und bezog Theater, Schauspiel und Malerei in die Erziehung mit ein (vgl. Dreier 1994b, S. 168). Dabei ist zu beachten, dass der Prozess wichtiger ist als das Produkt.

In seinem Gedicht "die hundert Sprachen des Kindes" spricht er metaphorisch über die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten des Kindes. Das Kind kommuniziert mit den Händen, dem Körper und verschiedenen Gegenständen. Werkzeugen und Materialien, symbolischen Strukturen und Musik. Von diesen 100 Sprachen raubt ihm die Gesellschaft neunundneunzig, nämlich alle außer der Verbalsprache.

Die Reggio-Pädagogik hat es sich zur Aufgabe gemacht, die unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten der Kinder, die als die 100 Sprachen bezeichnet werden, zu verstehen und zu fördern. Die Vielfalt der Sprachen, Gedanken und Herangehensweisen und Träume und die angeborene Offenheit sollen dabei erhalten bleiben. Die Reggio Pädagogik begegnet dabei der Gefahr, dass einseitige Einflüsse der Gesellschaft diese Offenheit zerstört. In ihrer Satzung hält die Reggio-Gemeinde daher fest, dass "den Kindern eine reiche und harmonische Erfahrung ihres Lebens ermöglicht wird. Dazu gehört auch, dass die unnatürliche Distanz zur Lebenswelt der Erwachsenen aufgehoben wird. Statt Mickey-Mouse-Tapeten befürworten die Reggianer im Zweifelsfall Kunstdrucke an den Wänden. 1981 wurde die (mehrfach überarbeitete) Wanderausstellung „Die 100 Sprachen des Kindes“ konzipiert; sie ist seither in einer Reihe europäischer und außereuropäischer Länder gezeigt worden.

Malaguzzi beschreibt sich selbst als „Provokateur in Sachen Kindheit“ 
(Zitat nach Malaguzzi: "Provokateure stören die Ruhe der Bürger, sie wollen aufwühlen und Versäumnisse zeigen. Kinder können uns mit ihren Problemen, aber vor allem mit ihren Fähigkeiten und ihrer Poesie stören.“) 

 

 

Die hundert Sprachen

Ein Kind hat 100 Sprachen

100 Hände

100 Gedanken

100 Weisen

zu denken,

zu spielen und zu sprechen.

Immer 100 Weisen

zuzuhören, zu staunen und zu lieben

100 Weisen

zu singen und zu verstehen

100 Welten zu entdecken

100 Welten zu erfinden

100 Welten zu träumen

Ein Kind hat 100 Sprachen,

doch es werden ihm 99 geraubt.

Die Schule und die Umwelt

trennen ihm den Kopf vom Körper.

Sie bringen ihm bei,

ohne Hände zu denken

ohne Kopf zu handeln

ohne Vergnügen zu verstehen

ohne Sprechen zuzuhören

nur Ostern und Weihnachten

zu lieben und zu staunen.

Sie sagen ihm,

dass die Welt bereits entdeckt ist

und von 100 Sprachen

rauben sie dem Kind 99.

Sie sagen ihm,

dass das Spielen und die Arbeit

die Wirklichkeit und die Phantasie 

die Wissenschaft und die Vorstellungskraft

der Himmel und die Erde

die Vernunft und der Traum

Dinge sind, die nicht zusammengehören.

Sie sagen also,

dass es die 100 nicht gibt.

Und das Kind sagt:

Aber es gibt sie doch.

(Loris Malaguzzi)